Von Sara Apay und Sebastian Haumann
Wie kann man Stadtgeschichte auf Social Media vermitteln, ohne bloß Fakten zu präsentieren? Wie kann man historische Zusammenhänge anschaulich und spannend darstellen, ohne sie unnötig zu vereinfachen? Wie kann man Interesse an der lokalen Geschichte wecken und damit zu weiterer Forschung anregen? Grundsätzlich sind Social Media Angebote dazu geeignet, eine breitere Öffentlichkeit für historische Themen zu sensibilisieren. Die Liste von Museen, Archiven und Forschungsprojekten, die entsprechende Kanäle nutzen, um Menschen für ihre Arbeit zu interessieren, ist lang. In der Reflexion über den Einsatz von Social Media, der inzwischen zu einem wichtigen Gegenstand der Public History sowie der Geschichtsdidaktik geworden ist, geht es dabei immer wieder um die Frage, wie eine problemorientierte, differenzierte und aktivierende Vermittlung aussehen kann.1 Mit den „Neighborhood Mysteries“ auf Instagram haben wir ein konkretes Kommunikationsformat als Reaktion auf diese Fragen konzipiert. Wir möchten damit zeigen, wie Social Media Angebote noch systematischer als Teil einer bidirektionalen Wissenschaftskommunikation eingesetzt werden können.2
Zum Entstehungskontext
Die Idee zu den „Neighborhood Mysteries“ entstand Ende 2024 im Zusammenhang mit einem partizipativ angelegten Forschungsprojekt zur Stadtteilgeschichte der Elisabeth-Vorstadt in Salzburg.3 Das Projekt ist eine Kooperation des Fachbereichs Geschichte der Universität Salzburg4 mit der Stadt Salzburg und verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen aus den Bereichen Bildung, Kultur und Soziales. In Salzburg gilt die Elisabeth-Vorstadt, in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauptbahnhofs, als Problemviertel.5 Eine der Annahmen ist, dass die negative Wahrnehmung mit fehlendem Wissen über die Geschichte des Stadtteils korrespondiert.6 In der Tat gibt es keine umfassende Darstellung zur Stadtteilgeschichte und Studien zu speziellen Themen der Salzburger Stadtgeschichte streifen die Elisabeth-Vorstadt meist nur am Rande. Im Umkehrschluss könnte, so die Vermutung unserer Kooperationspartner*innen, ein besseres Verständnis für die Geschichte des Stadtteils auch zu einer Verbesserung seines Images beitragen. Historische Forschung und intensive Wissenschaftskommunikation sind also bereits in den Projektzielen eng aufeinander bezogen.
Wir wiederum sind der Ansicht, dass sich nur eine empirisch valide und differenzierte Stadtteilgeschichte dazu eignet, den stereotypen Vorstellungen über den Stadtteil entgegenzuwirken. Eine reine „Erfolgsgeschichte“ der Elisabeth-Vorstadt zu konstruieren und in der Öffentlichkeit zu verbreiten wäre unglaubwürdig, weil sie empirisch kaum zu belegen wäre. Außerdem wollen wir Bewohner*innen und andere Interessent*innen zur Mitarbeit bewegen, um ein multiperspektivisches Bild der Stadtteilgeschichte zu entwickeln. Damit knüpft unser Projektdesign bewusst an Konzepte der Citizen Science an, also Ansätze, Bürger*innen aktiv in die Forschung einzubeziehen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen.7 Wissenschaftskommunikation ist in diesem Projekt also nicht bloß begleitende Öffentlichkeitsarbeit, sondern steht im Zentrum des Forschungsprojekts. Auch wenn bislang nicht alle weitreichenden Erwartungen an die Citizen Science eingelöst werden konnten, haben sich einige Maßnahmen, mit denen wir experimentiert haben, als praktikabel erwiesen – darunter insbesondere das Kommunikationsformat der „Neighborhood Mysteries“ auf Instagram.8
Ansatz und Aufbau
Die „Neighborhood Mysteries“ setzen am Kern dessen an, was wissenschaftliches Arbeiten ausmacht, nämlich Fragen stellen, um Neues zu entdecken und sich an evidenzbasierten, d.h. quellenbasierten, Antworten zu versuchen. Es geht erstens darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Fragen eine wichtige Voraussetzung für Erkenntnisprozesse sind – und dass diese Fragen vielfältig sein können. Wir versuchen deshalb, in den Instagram-Posts einen breiten Fragehorizont aufzuspannen, der zu einer problemorientierten Auseinandersetzung mit der Stadtteilgeschichte anregt. Dabei orientieren wir uns an Forschungsdebatten der Fachwissenschaft. Zudem leiten wir problemorientierte Fragen aus konkreten Beobachtungen vor Ort ab. Zweitens sollen die „Neighborhood Mysteries“ zeigen, dass die Antworten auf diese Fragen nach bestimmten methodischen Regeln gefunden werden und überprüfbar sein müssen. Deswegen basiert jede Mystery auf Quellen, die „Rätsel“ aufgeben und nach den Prinzipien der historisch-kritischen Methode analysiert werden. Insgesamt soll dieser Ansatz deutlich machen, dass Forschungsfragen zwar vielfältig, die Antworten aber nicht beliebig sind.
Obwohl die technischen und medialen Spezifika der Plattform Instagram9 die Umsetzungsmöglichkeiten eingrenzen, sind sie grundsätzlich für unsere Zwecke gut geeignet. Nützlich ist vor allem die duale Struktur der Instagram-Posts, die aus einem audiovisuellen Hauptteil und einem Begleittext bestehen (Abb. 1). In unseren Mysteries dient der audiovisuelle Hauptteil der Präsentation der Quellen, seien es historische Bilder und Videos, Scans von Archivalien oder Fotografien von Denkmälern im Stadtraum. Dass Quellenangaben ebenso wie transkribierte Zitate als Bild visualisiert werden müssen, ist nicht ideal, aber vertretbar, da es weniger um die konkrete Nachnutzungsmöglichkeit der Quellen geht als vielmehr darum, einen methodologisch adäquaten Umgang mit den Quellen zu demonstrieren. Den Begleittext nutzen wir demgegenüber, um Fragen an die Quellen zu formulieren und Analysemöglichkeiten aufzuzeigen. Hier zwingt die vorgegebene Zeichenbegrenzung dazu, auf einzelne Aspekte der Quellenanalyse zu fokussieren und dadurch mitunter wichtige Analyseschritte auszublenden. Dennoch erscheint die Grundstruktur der Instagram-Posts hilfreich, um zwischen Quellenebene und Analyseebene zu unterscheiden: Im audiovisuellen Hauptteil der Beiträge „sprechen“ die Quellen als Evidenzbasis, im Begleittext „sprechen“ wir als Forscher*innen.

Mit den „Neighborhood Mysteries“ versuchen wir gezielt, den Forschungsprozess anstelle von Forschungsergebnissen in den Mittelpunkt der Wissenschaftskommunikation zu stellen. Die Mysteries bestehen jeweils aus einer Serie von insgesamt mindestens zehn aufeinanderfolgenden Instagram-Posts, die wir im wöchentlichen Rhythmus veröffentlichen. Die einzelnen Durchgänge, die sich über den Zeitraum von etwa zwei Monaten erstrecken, folgen dabei einer festen Sequenz aus Frage (“Rätsel“), Analyse (“Auflösung“) und Reflexion unserer Analyse („Lösungswege“) (Abb. 2). Zu Beginn jedes Durchgangs veröffentlichen wir vier oder fünf Beiträge, die jeweils eine Quelle zeigen und im Begleittext offene Fragen als „Rätsel“ zu dieser Quelle stellen. Darauf folgen wiederum vier oder fünf Posts, die die „Auflösungen“ der einzelnen „Rätsel“ – sofern möglich – diskutieren. Wichtig ist, hierbei immer Bezug auf die Quelle zu nehmen und zur weiteren Begründung unserer Analyse ergänzende Quellen als Belege heranzuziehen. Abschließend präsentieren wir „Lösungswege“, die noch einmal transparent machen, wie wir zu unseren Analyseergebnissen gekommen sind, also z.B. worauf wir bei der Quelleninterpretation besonders geachtet haben oder wie wir ergänzende Quellen gefunden haben. Dazu gehört auch, die Grenzen der Erkenntnis und Interpretation explizit zu thematisieren, also insbesondere deutlich zu machen, was auch nach eingehenden Recherchen nicht geklärt werden konnte.

Obwohl die Spezifika von Instagram zu Verkürzungen zwingen, die der Komplexität der einzelnen „Rätsel“ nicht gerecht werden, wird in der Zusammenschau der Sequenz dennoch deutlich, dass der Forschungsprozess insgesamt zu differenzierten Ergebnissen führt. So betonen wir immer wieder, dass wir im Rahmen der Mysteries keine inhaltlich umfassenden und letztgültigen „Lösungen“ präsentieren. Die bewusst kommunizierte Unvollkommenheit der einzelnen Analysen soll unterstreichen, dass man zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem aus welcher Perspektive und mit welchen Fragen man sich einer Quelle nähert. Sie soll aber auch die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass es bei der Wahrheitsfindung in der historischen Forschung nicht auf die „richtige“ Perspektive ankommt, sondern auf etwas anderes: nämlich auf den Forschungsprozess als methodisch kontrolliertes und evidenzbasiertes Verfahren. Durch die Mysteries versuchen wir, die Besucher*innen unseres Instagram-Profils an diesem Prozess teilhaben zu lassen.
Forschungsfragen als „Rätsel“ zu präsentieren, eröffnet einen spielerischen Zugang zu wissenschaftlicher Arbeit, wie er in Citizen Science Projekten häufiger verwendet wird.10 Dazu greifen wir die interaktive Kommentarfunktion auf Instagram auf, zu deren Nutzung wir die Besucher*innen in den Begleittexten explizit auffordern. In den Kommentaren können sie ihre eigenen Überlegungen zu möglichen „Lösungen“ des „Rätsels“ veröffentlichen. In der Regel nehmen die aktiven Nutzer*innen dabei von sich aus auf die im „Rätsel“ präsentierte Quelle Bezug bzw. begründen ihre Antworten mit Kontextwissen (Abb. 3). Offensichtlich bringen sich hier insbesondere solche Nutzer*innen ein, die über geschichtswissenschaftliche Grundkompetenzen verfügen. Die diskursiven Spezifika von Instagram, insbesondere die Kommentarfunktion, sind zwar durchaus für eine breitere Partizipation geeignet, hängen aber entscheidend von der Reichweite des Instagram-Profils ab.11 In unserem Fall unterstreichen die Kommentare derjenigen, die sich auf den wissenschaftlichen Anspruch einlassen, vor allem den intersubjektiven Aushandlungscharakter von Forschungsprozessen.
Dessen ungeachtet wollen wir mit dem spielerischen Ansatz auch Nutzer*innen ansprechen, die keine Vorerfahrung mit historischer Forschung haben – und natürlich ist es erlaubt, in den Kommentaren Antworten auf die „Rätsel“ zu erraten. Idealerweise versuchen wir auch die erratenen Antworten aufzugreifen und in den „Auflösungen“ zu überprüfen. Dadurch rücken die Nutzer*innen allerdings in eine passive Rolle und unsere Analysen demonstrieren das methodisch korrekte Vorgehen eher, anstatt diese aktiv einzubinden. Obwohl Rückfragen zu den „Auflösungen“ über Kommentarfunktion von Instagram ebenso möglich sind, wurde die Funktion in diesem Zusammenhang bislang nicht genutzt. Darüber, ob schon allein die Demonstration des Forschungsprozesses die „scientific literacy“ der Besucher*innen unseres Instagram-Profils stärkt, können wir nur Vermutungen anstellen. Ein wesentliches Motiv dafür, Instagram zu nutzen, ist die Erwartung, Menschen über den Vermittlungsaspekt hinaus für unser Forschungsprojekt zu aktivieren. Zum einen zielen die Mysteries darauf ab, Nutzer*innen mit Interesse am Stadtteil oder an historischen Themen zu eigenen Fragen anzuregen. Es handelt sich bei den „Rätseln“ ausdrücklich um Beispiele, die nach eigenem Relevanzvorstellungen auf andere Quellen oder Beobachtungen übertragen werden können. Zum anderen wollen wir in vielen Fällen tatsächlich etwas wissen. Oftmals sind wir bei der Erforschung stadtteilspezifischer Themen auf „local knowledge“ angewiesen oder auf Hinweise zu bisher unbekannten Quellenbeständen aus Privatbesitz, wie zum Beispiel zum inzwischen geschlossenen Café „Max & Moritz“, das in den 1980er Jahren Zentrum des Salzburger Rotlichtmilieus gewesen sein soll (Abb. 3). Die ungelösten „Rätsel“ stellen eine ausdrückliche Aufforderung an die Nutzer*innen dar, mitzuforschen. Die „Neighborhood Mysteries“ sollen dabei zu Forschung und Austausch über Social Media hinausführen.

Entsprechend der Erwartungen an die aktivierende Funktion der „Neighborhood Mysteries“ sind unsere primäre Zielgruppe Personen, die einen Bezug zum Stadtteil haben und auch über persönliche Kommunikation jenseits von Instagram ansprechbar sind. In zweiter Linie richtet sich unser Angebot an eine allgemein an Salzburg oder historischen Themen interessierte Öffentlichkeit, mit der wir, so unsere Hoffnung, letztlich auch in persönlichen Kontakt treten. Dabei können zum einen gut gewählte Hashtags nützlich sein. Bei Hashtags handelt es sich um eine Art Etikett oder Metadaten-Tag, die helfen, audiovisuell präsentierte Inhalte zu verknüpfen. Zum anderen haben wir in unseren Beiträgen mit Geotags gearbeitet. Bei Geotags handelt es sich um Standortmarkierungen, die angeben, wo ein Foto oder Video aufgenommen oder gepostet wurde. So können Nutzer*innen auf weitere Beiträge zu diesem Ort stoßen, was vor allem Nutzer*innen mit persönlichem Bezug zu diesen Orten anspricht. Schließlich können über die Funktion des Folgens oder über Likes und die „Teilen“-Funktion Netzwerke von Nutzer*innen gebildet werden, die ein besonderes Interesse an dem Instagram-Profil haben. Diese Art der Vernetzung von Inhalten, Orten und Personen zielt darauf ab, die Grenzen von Social Media als rein digitales „Kommunikationslabor“12 zu überschreiten – also gewissermaßen den Weg vom Labor in das Feld vorzuzeichnen.
Umsetzung und Gestaltung
Als Social Media Plattform, die auf audiovisuellen Inhalten basiert, lebt Instagram von einer „ansprechende[n] Optik, Wiedererkennungswert, Professionalität der Darstellung sowie deren Innovativität … . Instagram hat als Medium dabei eine spezifische Ästhetik, Bild- und Formensprache.“13 Gerade deshalb ist eine sorgfältige Planung der Instagram-Posts unerlässlich. Diese Planung ermöglicht es, sowohl gestalterisch als auch thematisch eine klare Linie zu verfolgen und eine starke visuelle Identität aufzubauen, die auf die Nutzer*innen ansprechend wirkt.
Als ersten Schritt legen wir einen bestimmten Quellentyp fest, der im Zentrum der Mystery-Reihe stehen soll. Bisher haben wir zum einen mit historischen Fotos aus der Zeit um 1900 und zum anderen mit im Stadtraum sichtbaren Reliefs an Gebäudefassaden, also zwei sehr unterschiedlichen, aber gleichermaßen visuell ansprechenden Quellentypen, gearbeitet. Basierend auf der Quellenauswahl entwickeln wir in einem zweiten Schritt ein Skript als inhaltliches Grundgerüst für jede Mystery-Reihe, das als Leitfaden für die Fragen und die Struktur der Beiträge dient. Dabei konnten wir feststellen, dass die verschiedenen Quellentypen auch unterschiedliche Fragehorizonte eröffnen: Bei den Reliefs bilden alltägliche Beobachtungen im Stadtraum Anknüpfungspunkte, wohingegen sich die Mysteries zu historischen Fotos an wissenschaftlichen Forschungsdebatten orientieren. In einem dritten Schritt folgt ein Publikationsplan, der einerseits die zeitliche Abfolge der Posts regelt, um eine kontinuierliche Präsenz auf dem Profil zu gewährleisten, und andererseits dabei hilft, thematische Schwerpunkte sinnvoll aufeinander abzustimmen.
Für die grafische Gestaltung der Beiträge nutzen wir die App „Canva“, die uns eine effiziente und zugleich kreative Umsetzung unserer Ideen ermöglicht (Abb. 4). Mit Hilfe von vorgefertigten Layouts und individuell angepassten Design-Elementen gelingt es,14 ein einheitliches visuelles Erscheinungsbild zu schaffen, das zur Wiedererkennbarkeit beiträgt und den seriösen und wissenschaftlichen Anspruch der Inhalte unterstreicht. Des Weiteren werden auch funktionale und interaktive Elemente auf unserem Instagram-Profil ausgestaltet. Dazu gehört unter anderem der gezielte Einsatz von Hashtags zur Reichweitenerhöhung, die Einbindung von Reels, die als audiovisuelle Kurzformate unsere Inhalte auf kreative und zugängliche Weise vermitteln sollen sowie die Interaktion mit der Community über die Kommentarspalte. Insgesamt wird die Planung und Umsetzung der Instagram-Beiträge so konzipiert, dass sie sowohl den ästhetischen Anforderungen der Plattform als auch unseren kommunikativen Zielen gerecht werden.

Das erste „Rätsel“ zu den Reliefs im öffentlichen Raum setzte beispielsweise einen in Stein gehauenen Stierkopf über dem Gebäudeeingang der Saint-Julien-Straße 17 in Szene (Abb. 5). Dieses Relief warf Fragen zu seiner Bedeutung und seinem Entstehungshintergrund auf. Dazu erreichten uns über die Kommentarfunktion einige interessante Hinweise von Nutzer*innen. Da wir im Falle des Stierkopfs die Antwort auf das Rätsel aber selbst nicht kannten, haben wir die „Auflösung“ genutzt, um auf Zusammenhänge mit allgemeineren Entwicklungen im Stadtteil hinzuweisen, hier etwa den möglichen Bezug zum gegenüber des Gebäude liegenden historischen Viehmarkt. Bei den weiteren Reliefs verfolgten wir einen ähnlichen Aufbau, wobei der Aufwand für die Erarbeitung der „Auflösungen“ durchaus schwankte. Während nämlich bei den Reliefs am Kaufhaus Kiesel aus den 1920er Jahren bereits ausreichend Sekundärliteratur vorlag, erforderte das Relief am Gebäude der Elisabethstraße 1a, in dem sich die Elisabeth Apotheke befindet, einen Besuch im Stadtarchiv, um Einsicht in die Bauakte zu erlangen.

Als weiteres Beispiel, aus unserer Mystery-Reihe zu historischen Fotos, dient eine Fotografie der Feier anlässlich der Eröffnung der Erzherzog-Ludwig-Viktor-Brücke – der heutigen Lehener Brücke – im Jahre 1902 als Anfangspunkt. Bei den „Rätseln“, die bei historischen Fotos ansetzten, wurden die Nutzer*innen mit Fragen zum Entstehungsort konfrontiert sowie zur Interpretation der Quelle eingeladen. Für die „Auflösungen“ haben wir einerseits weitere Fotos hinzugezogen und andererseits schriftliche Quellen wie beispielsweise Zeitungsartikel eingearbeitet (Abb. 6). Hierfür konnten wir auf die digitalisierten Fotosammlungen des Salzburger Stadtarchivs und des Salzburg Museums zurückgreifen. Hilfreich waren auch gezielte Recherchen über das Online Angebot AustriaN Newspaper Online (ANNO) der Österreichischen Nationalbibliothek.15

Am Ende unserer Mystery-Reihen stehen jeweils die „Lösungswege“, die wir in Form eines Reels, einer bis zu 3-minütigen Vidoesequenz, präsentieren. Für die Reels nutzen wir als Bildmaterial eine Auswahl der Posts, die wir für die „Rätsel“ und „Auflösungen“ generiert haben. Dazu sprechen wir eine Art Mini-Podcast als Dialog aus dem Off ein, das auf einem kurzen ausformulierten Skript basiert. Für die Tonaufnahme nutzen wir die Aufnahmefunktion eines Handys. Für Schnitt und die Postproduktion nehmen wir eine Standard-App des Handys wie beispielsweise „Samsung Studio“. In den „Lösungswegen“ gehen wir vor allem darauf ein, woher die Fragen kommen, welche Quellen wir verwenden und welche Forschungslücken verbleiben. Zudem sollen die Reels Uneindeutigkeiten und Interpretationsmöglichkeiten sowie Grenzen evidenzbasierter Geschichtsschreibung deutlich machen. Jene Rätsel, die nicht aufgelöst werden können, sollen vor allem den Forschungsbedarf signalisieren und zur eigenen Forschungstätigkeit anregen.
Um die Mystery-Reihen zu produzieren ist ein größerer, aber gut eingrenzbarer Einsatz von Ressourcen notwendig. Die eigentliche Erstellung der Posts und Reels, angefangen bei der Auswahl der Quellen über die Ausarbeitung des Skripts und des Publikationsplans und die Gestaltung mit „Canva“ bis zum Posten und der Reaktion auf Kommentare, nimmt bei einem wöchentlichen Post in etwa fünf Stunden pro Woche in Anspruch. Dazu gehört auch die Dokumentation, die aufgrund der Kurzlebigkeit und eingeschränkten Funktionalität von Instagram das Zusammenführen aller grafischen und textlichen Inhalte in einer Worddatei erfordert. Deutlich aufwändiger als fünf Stunden pro Woche können die Hintergrundrecherchen sein, wenn zum Beispiel eine Literaturrecherche durchgeführt wird oder Archivbestände konsultiert werden müssen. Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, die „Neighborhood Mysteries“ in ein Forschungsprojekt einzubetten oder im Rahmen von Lehrveranstaltungen studentische Arbeiten einzubeziehen. Ebenso wichtig wie die inhaltlichen Vorarbeiten sind die Beschaffung von Bild- und Quellenmaterial und der entsprechenden Rechte. Hier sind verbindliche Kooperationen mit den Institutionen, die entsprechendes Material bereitstellen, entscheidend. Für die „Neighborhood Mysteries“ zur Elisabeth-Vorstadt haben uns das Stadtarchiv Salzburg und das Salzburg Museum großzügig Bilder aus ihrem Bestand digitalisiert und unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Neighborhood Mysteries in der Praxis
Da die „Neighborhood Mysteries“ primär auf die Interaktion mit Nutzer*innen abzielen, ist die zahlenmäßig erfassbare Reichweite der Posts nur insofern ein wichtiger Indikator als wir dadurch vor allem die Wirkung der einzelnen Posts in Relation zueinander abschätzen konnten. Während unser Instagram-Profil sehr bald über 100 Follower hatte, erreichten einzelne Posts bis zu 1000 Zugriffe. Unterschiede sind insbesondere zwischen den Zahlen für die „Rätsel“, die „Auflösungen“ und die „Lösungswege“ zu erkennen, wobei die Aufrufe tendenziell abnehmen, was für die Attraktivität der spielerischen „Rätsel“ gegenüber den eher analytisch angelegten Posts spricht, und die Zweckmäßigkeit unseres fragengetriebenen Ansatzes unterstreicht. Retrospektiv zeigt sich auch, dass bei der Mystery-Reihe zu den Reliefs die „Auflösungen“ besser angekommen sind, während die historischen Fotos als Quelle für die Nutzer*innen gesamt gesehen ansprechender waren. Etwas überrascht sind wir von der Tatsache, dass bis auf wenige Ausnahmen sich deutlich mehr Nicht-Follower als Follower die Mysteries angeschaut haben. Obwohl Hashtags und Likes zu mehr Aufmerksamkeit geführt haben, hat sich dies nicht in einer Bindung als Follower niedergeschlagen. Auch Kommentare kamen fast ausschließlich von Followern.

Bei genauerer Betrachtung der Follower und derjenigen Nutzer*innen, die aktiv interagieren, fällt auf, dass es sich überwiegend um Personen handelt, zu denen direkt oder indirekt auch persönlicher Kontakt besteht. Neben Personen aus dem Umfeld der Universität, insbesondere Studierende, waren dies Nutzer*innen mit spezifischem Interesse am Stadtteil, wie zum Beispiel Gewerbetreibende oder Kommunalpolitiker*innen. Hier spielten auch institutionelle Instagram-Accounts eine wichtige Vermittlerrolle, wie etwa derjenige des Bewohnerservice Elisabeth-Vorstadt oder der des Forum 1, einer Shopping Mall im Stadtteil mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit. Wir vermuten, dass auch ein Großteil der Nicht-Follower, die die „Rätsel“ angeschaut haben, über diesen Weg auf die „Neighborhood Mysteries“ aufmerksam geworden sind.
Die deutliche Überlagerung der Netzwerke auf Instagram mit den persönlichen Netzwerken im Stadtteil hat uns darin bestärkt, die „Neighborhood Mysteries“ primär als einen zusätzlichen Kommunikationskanal zu nutzen, der andere Kommunikationsformate, insbesondere auch solche vor Ort in Präsenz, ergänzt und im Idealfall verstärken kann. Deshalb haben wir beispielsweise den Publikationsplan für die Mystery-Reihe zu den historischen Fotos so aufgebaut, dass wir einen Veranstaltungshinweis auf einen Fotoworkshop in den Räumen der Bewohnerservice-Stelle Elisabeth-Vorstadt einflechten konnten (Abb. 8). Die Idee, Aufkleber mit QR-Codes, die auf unseren Instagram-Profil verlinkt sind, im Stadtraum anzubringen, haben wir noch nicht umgesetzt. Die Erwartung wäre aber, dadurch einen weiteren Zugang zur hybriden Kommunikation zu schaffen, der möglicherweise noch andere Nutzer*innen erreicht. Schließlich haben sich inzwischen Kooperationen mit Betreiber*innen von anderen Instagram-Accounts mit Stadtteilbezug angebahnt, die nicht nur unsere Mysteries re-posten, sondern bereit sind, im persönlichen Austausch eigene Beiträge zur Stadtteilgeschichte zu entwickeln. Zu welchen Resultaten diese Kooperationen führen werden, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Schon jetzt ist aber ein Mehrwert darin zu erkennen, dass wir mit den „Neighborhood Mysteries“ auf vielfältige Weise systematisch Verbindungen vom digitalen in den analogen Raum und umgekehrt herstellen können.

Möglichkeiten und Ausblick
Als Kommunikationsformat sind die „Neighborhood Mysteries“ vor allem eine pragmatische Antwort auf die hohen Erwartungen, die im Rahmen von Citizen Science Ansätzen an eine bidirektionale Wissenschaftskommunikation gestellt werden. Die Mysteries gehen zwar über eine reine Informationsvermittlung hinaus und versuchen das meiste aus den Interaktionsmöglichkeiten herauszuholen, die Instagram bietet. Aber ein direkter Kommunikationsfluss von Nutzer*innen als aktiver Beitrag zu laufenden Forschungsprozessen kann dadurch nur in ganz seltenen Fällen hergestellt werden. Stattdessen zeigen die exemplarischen „Rätsel“ und unvollkommenen „Auflösungen“ auf, was mit weiterer Forschung möglich wäre. Letztlich liegt die Stärke des Formats darin, Interesse zu wecken und zu zeigen, dass auch vermeintlich simple Fragen zur Stadtteilgeschichte zu neuen und überraschenden Erkenntnissen führen können, wenn sie evidenzbasiert und methodisch kontrolliert beantwortet werden – und zwar auch, oder gerade dann, wenn die Erkenntnis ist, dass mehr Recherchen notwendig sind. Ob und wie dieser Impuls aufgegriffen wird, entscheidet sich in der Regel außerhalb von Social Media-Kanälen.
Wirklich spannend wird es, wenn sich die Kommunikation über Instagram mit anderen Formen der persönlichen Kommunikation vor Ort überlagert: Wenn zum Beispiel Instagram-Follower an Workshops teilnehmen oder Interessent*innen aus dem Stadtteil Instagram nutzen, um Anregungen für eigene Forschungen zu erhalten. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Rückhalt bei Kommunalpolitiker*innen, Gewerbetreibenden, Stakeholdern und Multiplikatoren im Stadtteil, den ein Social Media Auftritt stärken kann. Generell unterstützt der konkrete Ortsbezug, der durch den Fokus auf den Stadtteil, eben die „Neighborhood“, gegeben ist, eine Vernetzung über die übliche forschungsaffine Community hinaus. Es scheint, dass die Stadt- und Stadtteilgeschichte für eine solche digital-analoge Netzwerkbildung prädestiniert ist, die sich partizipative Forschungsprojekte zu Nutze machen können.16 Vor diesem Hintergrund eignen sich die „Neighborhood Mysteries“ als ein Baustein, der mit anderen Kommunikations- und Beteiligungsformaten kombiniert werden kann, um Synergien zu schaffen.
Mit den „Neigborhood Mysteries“ haben wir ein Angebot konzipiert, das die technischen und medialen Spezifika von Instagram aufgreift, um die Plattform für eine problemorientierte, differenzierte und aktivierende Wissenschaftskommunikation zu nutzen. Auch die Mysteries können sich der tendenziell vereinfachenden Logik und den funktionellen Einschränkungen von Social Media nicht entziehen. Vor allem die Erwartungen an mögliche aktivierende Effekte lassen sich allein über die digitale Kommunikation kaum erfüllen. Aber die Rahmenbedingungen der Plattform sind nicht nur ein Nachteil, sondern zwingen dazu, pragmatische Lösungen zu finden, die es schließlich doch erlauben, Forschungsprozesse angemessen zu präsentieren. Pragmatisch ist unser Ansatz insofern als er den prozessualen und prinzipiell unabgeschlossenen Charakter von Forschung bewusst offenlegt. Das heißt, dass wir zwar überzeugende und evidenzbasierte Überlegungen präsentieren müssen, aber eben keine letztgültigen Antworten. Stattdessen stellen die „Neighborhood Mysteries“ Forschungsfragen in den Mittelpunkt, die deshalb spannend sind, weil sie vielfältigen Interessen und Perspektiven folgen, die es wissenschaftlich zu überprüfen gilt – so gesehen beginnt Forschung immer mit einem „Rätsel“.
- Vgl. Mia Berg/Andrea Lorenz, #InstaHistory – Akteur:innen und Praktiken des Doing History in den sozialen Medien, in: Jürgen Büschenfeld/ Marina Böddeker/Rebecca Moltmann (Hrsg.), Praktiken der Geschichtsschreibung. Vergleichende Perspektiven auf Forschungs- und Vermittlungsprozesse, Bielefeld 2023, S. 69–88; Florentina Armaselu, Social Media. Snapshots in Public History, in: Serge Noiret/Mark Tebeau/Gerben Zaagsma (Hrsg.), Handbook of Digital Public History, 2022, S. 259–276; Mia Berg/Christian Kuchler (Hrsg.), @ichbinsophiescholl. Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media, Göttingen, 2023; Christian Bunnenberg/Thorsten Logge/Nils Steffen, SocialMediaHistory. Geschichtemachen in Sozialen Medien, in: Historische Anthropologie 29, 2021, S. 267–283; Kristin Oswald, Public Humanities in der Praxis: das Projekt “SocialMediaHistory – Geschichte auf Instagram und TikTok”, online unter: https://publicdh.hypotheses.org/269 (05.11.2025). ↩︎
- Vgl. Curtis Martin/ Bertrum H. MacDonald, Using Interpersonal Communication Strategies to Encourage Science Conversations on Social Media, in: PLOS ONE 15, 2020, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0241972. ↩︎
- www.elisabeth-vorstadt.stadtteilgeschichte.at. ↩︎
- Prof. Dr. Sebastian Haumann ist Leiter des Projekts, Sara Apay ist als Studienassistentin wesentlich an der Entwicklung der Neighborhood Mysteries beteiligt gewesen. ↩︎
- Zur Stadtteiltypologie vgl. David Templin, Ankommen zwischen Bordell und Moschee. Bahnhofsviertel westdeutscher Großstädte als Räume der Migration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Archiv für Sozialgeschichte 64, 2024, S. 169-208. ↩︎
- Auf einer ähnlichen Beobachtung basiert beispielsweise auch ein Projekt zur Stadtteilgeschichte der Mannheimer Neckarstadt-West, vgl. Cord Arendes/Lukas Kraus/ Ulrich NIeß (Hrsg.), Stadt(teil)zeichen. Einblicke in die Geschichte der Neckarstadt-West in Mannheim seit den 1970er Jahren, Mannheim 2022. ↩︎
- Vgl. Hendrikje Carius/Martin Prell/René Smolarski (Hrsg.), Citizen Science in den Geschichtswissenschaften. Methodische Perspektive oder perspektivlose Methode?, Göttingen 2023; Katrin Vohland u. a. (Hrsg.), The Science of Citizen Science, Cham 2021. ↩︎
- Instagram-Profil Stadtteilgeschichte, https://www.instagram.com/stadtteilgeschichte/. ↩︎
- Zu den Spezifika von Instagram und den Konsequenzen für die geschichtswissenschaftliche Wissenschaftskommunikation vgl. Berg/Lorenz, #InstaHistory; allgemein zu den verschiedenen Möglichkeiten von Instagram in der Wissenschaftskommunikation vgl. Rosanna Planer u.a., Information vs. Presentation. Three Different Approaches to Media Organizations’ Science Communication on Instagram, in: Journalism and Media 4, 2023, 1114-1129. DOI: https://doi.org/10.3390/journalmedia4040071. ↩︎
- Barbara Heinisch u.a., Citizen Humanities, in: Katrin Vohland u. a. (Hrsg.), The Science of Citizen Science, Cham 2021, 97–118, hier: S. 106. ↩︎
- Vgl. Berg/Lorenz, #InstaHistory, S. 79; Martin/MacDonald, Interpersonal Communication. ↩︎
- Bunnenberg/Logge/Steffen, SocialMediaHistory, S. 273. ↩︎
- Berg/Lorenz, #InstaHistory, S. 76. ↩︎
- Vgl. Canva, Instagram-Post Editor, https://www.canva.com/de_de/erstellen/instagram-posts/?msockid=2e069092813f64e403f786cb806965a7 (03.11.2025). ↩︎
- AustriaN Newspaper Online, https://anno.onb.ac.at/ (10.11.2025). ↩︎
- Ähnlichen Überlegungen folgt z.B. das Konzept des „analogen Digitalladens“ in Aschaffenburg, vgl. Joachim Kemper, Offenheit und Mitmachen im Archiv. Stadt- und regionalhistorische Citizen Science am Bayerischen Untermain, in: Moderne Stadtgeschichte 55:1, 2024, S. 124-129, https://doi.org/10.60684/msg.v55i1.36. ↩︎
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Sebastian Haumann (25. November 2025). Neighborhood Mysteries auf Instagram – Fragengetriebene Wissenschaftskommunikation in der Stadtgeschichte. Stadtgeschichten. Abgerufen am 22. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/157hi

